Diese Arbeit entstand im Juni 2011 in Camden im Norden Londons, in der Jeffrey Street. Es ist eine direkte Anspielung Banksys auf jemanden aus seiner eigenen Szene, und die Details verdienen einen genauen Blick.
Auf der Wand ist ein kleines Kind zu sehen. Über den Augen verläuft ein dicker schwarzer Balken quer über das Gesicht. Dieser Balken ist keine zufällige Gestaltungsentscheidung. Es ist das klassische Zeichen, mit dem in der Presse oder in Polizeiakten die Identität einer Person verschleiert wird, indem man das Gesicht unkenntlich macht. Das Kind wird also schon auf den ersten Blick als jemand präsentiert, mit dem sich das System bereits befasst hat.
In der Hand des Kindes ist ein runder Seifenblasenring, mit dem Kinder Seifenblasen pusten. In der Blase, die aus dem Ring aufsteigt, steht ein einziges Wort: TOX. Dieses Detail ist wichtig, denn das Wort kommt nicht aus dem Mund des Kindes. Das Kind pustet es. Es handelt sich also nicht um eine Unterschrift, einen Slogan oder einen Schrei, sondern um etwas Zerbrechliches, das aus einem Spielzeug kommt, kurz in der Luft steht und dann platzt.
Tox, mit bürgerlichem Namen Daniel Halpin, war ein Graffiti-Writer, der jahrelang seine Signatur in der Londoner U-Bahn und an verschiedenen Stellen der Stadt hinterlassen hatte. Im Juni 2011, genau in dem Monat, in dem dieses Wandbild entstand, wurde er in dem gegen ihn geführten Verfahren verurteilt und erhielt eine Haftstrafe von siebenundzwanzig Monaten. Eine Aussage der Staatsanwaltschaft während der Verhandlung wurde in der Öffentlichkeit viel zitiert: Halpin sei „nicht Banksy“, ihm fehle das künstlerische Können, und er versuche deshalb nur, sein Tag an möglichst vielen Orten zu hinterlassen.
Banksys Wandbild antwortet genau auf diese Aussage. Wie diese Antwort zu verstehen ist, bleibt jedoch bewusst offen. Eine Lesart sieht darin eine Geste der Solidarität: Eine Signatur, die vor Gericht nicht als Kunst galt, wird in Banksys Händen zu Kunst, wodurch die Unterscheidung der Staatsanwaltschaft ausgehebelt wird. Eine andere Lesart sieht darin eine Demonstration der Überlegenheit: Das Tag, an dem Tox jahrelang gearbeitet hat, wird in Banksys Händen so leicht wie eine Blase aus einem Kinderspielzeug.
Der schwarze Balken über den Augen vertieft diese Doppeldeutigkeit noch weiter. Er schützt das Kind, indem er seine Identität verbirgt, erklärt es aber zugleich für schuldig. Auch die Blase ist auf dieselbe Weise doppelt: zerbrechliche Schönheit und Nichts zugleich.
Diese Arbeit gehört zu Banksys indirektesten Kommentaren zur eigenen Position. Vor Gericht diente der Name Banksy als Maßstab, um die Grenze zwischen Kunst und Vandalismus zu ziehen. Banksy ging an die Wand und erinnerte mit einer einzigen Seifenblase daran, wie willkürlich dieser Maßstab in Wahrheit ist.
*Nach der Anmeldung kannst du dein kostenloses Poster im Store der Ausstellung ‘House of Banksy Dortmund’ abholen, zeige dafür einfach deine Mitgliedschaft vor.

